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Der Abgrund der eigenen Einsamkeit – Bataille und Gemeinschaft

Beriah_Fluss

“Ohne Titel” von Yves,  lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

In diesem Beitrag schildere und ergänze ich meine Erfahrungen zu Gemeinschaft und Community Building mit den Ideen des französischen Philosophen Georges Bataille (1897-1962). Das Lesen von Bataille war für mich neuartig, aufregend, inspirierend und ich habe Lust, dies zu teilen. Im Folgenden werde ich mich folgenden Fragen zur Gemeinschaft widmen:

  • Wo endet die Erkenntnis des Einzelnen? Welche Rolle spielt die Akzeptanz des Nichtwissens.
  • Mit welcher Brille schaue ich auf die Welt? Welche Zugangsstörungen liegen zwischen Mir und den Anderen? Wen schließe ich ein und wen schließe ich aus?
  • Was ist der Unterschied zwischen starker Kommunikation und schwacher Kommunikation?
  • Gibt es jenseits der „Immunisierungstendenz“, dem individuellen und kollektiven Panzern und Rüsten Alternativen? Was versteht Bataille unter „energetische Überladung“?
  • Ist es unmöglich, der Einsamkeit zu entfliehen? Was versteht Bataille unter Gemeinschaft? Wie kann ich mich mit anderen Menschen verbinden?

Ich fand einen guten Einstieg zu Batailles Ideen zu Gemeinschaft in Roberto Espositos Schrift Communitas. Ursprung und Wege der Gemeinschaft. Ich werde im Folgenden Teile aus dieser Schrift vorstellen und mich dann den gerade genannten Fragen widmen. Weiterlesen

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CB im Alltag

"Ohne Titel" von Yves, lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

“Ohne Titel” von Yves, lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

Community Building ist meiner Meinung nach mehr als eine gute Methode zum nicht angeleiteten Erfahren von authentischer Gemeinschaft. In ihr und in den Kommunikationsempfehlungen ist eine sehr wertvolle Haltung mir selbst und meinen Mitmenschen gegenüber spürbar. Eine Haltung der Ehrlichkeit und Offenheit, der Achtsamkeit gegenüber meinen Impulsen und letztlich das tiefe Wahrnehmen des anderen.

Community Building im Alltag

Seitdem ich wieder und wieder in Gruppen den Zustand der authentischen Gemeinschaft erlebt habe, fallen mir einige Alltagssituationen schwerer. Warum? Ich vermisse die Verbundenheit und Ehrlichkeit in der Beziehung zu meinem Gegenüber. Ich habe auch Sorge, mein Gegenüber durch unerwartete Offenheit zu überfordern oder zu überlasten. Daher stelle ich mir die Frage: Wie kann ich gut mit einer CB-Haltung im Alltag leben?

Eine hilfreiche Frage in der konkreten Situation ist für mich:

Was hält mich davon ab, mit meinem Gegenüber in authentischer Gemeinschaft zu sein?

Diese Frage hilft mir dabei, zu schauen, was im Hier und Jetzt stört, was mich ablenkt oder verunsichert. Was brauche ich, um wirklich in Verbindung zu sein. Der Schritt in das Risiko, in die Verletzlichkeit und Offenheit, fällt mir immer wieder schwer. Ich weiß letztlich nicht, wie mein Gegenüber reagieren wird. Wenn ich anspreche, was mich hindert, in Gemeinschaft zu sein, dann ist dies der Weg aus der Harmonie der Pseudogemeinschaft heraus – und hinein in das Chaos. Das Wissen um die Phasen und die Erfahrungen der gelungenen Gemeinschaft helfen mir, mutig zu sein. Und wie ist das jenseits der Zweierbeziehung – in der Gruppe?

Authentische Gemeinschaft in der  Gruppe

Einige Menschen, die ich beim letzten Netzwerktreffen Community Building in Europa in Jahnishausen traf, stellen sich auch diese Frage und experimentieren damit in ihrer Wohn- und Lebensgruppe. Das finde ich sehr spannend. Genügt der Vorsatz, in einer CB-Haltung miteinander zu leben oder was braucht es noch dafür? Mir gibt meine 14tägige fortlaufende Gruppe viel Sicherheit und immer wieder Mut, Risiken einzugehen. Ich fühle mich aber außerhalb der Runde nicht in ständiger authentischer Gemeinschaft mit jedem Mitglied. Es braucht vielleicht mehr. Ein bekannter CB-Facilitator sagte mir vor einiger Zeit, dass es wöchentlich zwei bis drei CB-Abende mit drei bis vier Stunden  und zusätzlich ein CB-Wochenende im Monat braucht, um authentische Gemeinschaft zu bleiben.

Wuah! Das ist viel Zeit, oder? Aber was würde eine Gruppe dadurch gewinnen?  Welche Potentiale könnten enfaltet werden, welche Blockaden könnten fallen und welche gebunden Energien könnten endlich frei werden?

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Forschungsreise auf hoher See

Was ist Gemeinschaft? Wie fühlt sich das an, wie kommt mensch dahin? Was bedeutet es für den Einzelnen und für eine Gruppe, eine Gemeinschaft zu werden?

Vor uns liegen unerforschte Gewässer.

Community Building gleicht einer abenteuerlichen Forschungsreise auf hoher See. Die Teilnehmer_innen sitzen im selben Boot und legen ab zu einer Reise auf ins Ungewisse. Das einzige, was sie mitbekommen haben, ist eine kleine Karte mit Kommunikationsempfehlungen. Bei der Taufe des Schiffes und beim Ablegen vom Hafen scheint noch die Sonne, doch zeichnen sich bald erste Wolken am Himmel ab. Einige Reisende geraten aneinander – über Kurs oder Führung – und der Himmel verdunkelt sich. Erste Tropfen fallen darnieder, und das Schiff wiegt sich in den Wellen, die zunehmend stärker werden. Dann bricht ein Sturm herein, Donner grollen, grelle Blitze zerschneiden die Luft. Einige Reisende irren umher, drohen zu verzweifeln, andere beschweren und streiten sich im Chaos oder werden bleich ob des schweren Seegangs. 

Dann Stille und spiegelglattes Meer. Mehr und mehr Reisende erblicken sich selbst im Wasser und dann auch einander. Es ist ganz ruhig – totenstill.

Und schließlich erreichen sie ein neues Ufer. Gemeinschaft.

Die Forschungsreisenden mit gebräunten Gesichtern und zerzaustem Haar sind verändert. Sie haben belastende Bürden abgelegt und bringen bei ihrer Rückkehr einen Schatz von Gruppenerfahrungen und ein Bündel von neuen Fähigkeiten mit.

“Ohne Titel” von Christel Duerrwald, lizensiert unter CC BY-NC-ND 4.0.

“Ohne Titel” von Christel Duerrwald, lizensiert unter CC BY-NC-ND 4.0.

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Die 4 Phasen der Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck

GemeinschaftsbildungAuszug aus dem Buch Eine neue Ethik für die Welt von Scott Peck (München 1995) über die 4 Phasen der Gemeinschaftsbildung.

„Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudogemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln. Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Weiterlesen