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Erfahrungsbericht “CB-WE-Seminar” aus Potsdam

Community Building Empfehlungen im KreisIm Herbst 2020 nahm Thomas aus Potsdam an unserem Community Building Wochenendseminar im ZEGG teil. Hier schreibt er rückblickend zu seinem Erleben. Vielen Dank Thomas, dass wir deinen Beitrag hier veröffentlichen dürfen!

Das eindrücklichste und stimmigste Erlebnis beim Wir-Raum Potsdam war für mich der CB-Taster. Wir probierten für einen Abend Community Building nach Scott Peck aus, so wie wir schon Forum und Circling ausprobiert hatten. Im Gegensatz zu letzteren Methoden, die bei mir eher ambivalente Gefühle und Assoziationen auslösten, fühlte ich mich vom CB gleich angesprochen und eingeladen. Ich fühlte mich auf wohltuend energetisierende Art und Weise innerlich bewegt und spürte auch deutlich, wie sich in der Gruppe etwas bewegte und die einzelnen Menschen ganz unterschiedlich damit umgingen. Endlich wurde es wesentlicher und ging mehr in die Tiefe. Endlich spürte ich etwas wie eine Verbundenheit mit und in der Gruppe, wie ein Gemeinschaftsgefühl.

Im Sommer las ich „Gemeinschaftsbildung“ und danach „Eine neue Ethik“ und fand gleich den ersten Satz super: „Die Rettung der Welt liegt in Gemeinschaft und um sie herum.“ Das sprach mir aus dem Herzen und erinnerte mich an die Maazsche Beziehungskultur. Auch schon der Abend im Wir-Raum hatte Erinnerungen an Halle geweckt. Nur schien Scott Pecks Setting noch einfacher und unkomplizierter zu sein und seine Sichtweise umfassender und einschließlicher. Das wollte ich unbedingt ausprobieren. Die Ankündigung des Workshops hatte ich gleich nach dem Urlaub gefunden, den Termin aber danach erst einmal wieder verdrängt. Das Angebot eines CB-Workshops in Sieben Linden erinnerte mich wieder an mein Vorhaben, aber ich musste mich echt überwinden, um mich anzumelden – und war mir auch danach absolut nicht sicher, ob ich nach Belzig fahren oder doch lieber wieder absagen würde. Selbst als ich in Belzig an der Bushaltestelle drei andere Teilnehmer*innen sich über den Workshop unterhalten hörte, fühlte ich mich noch nicht ganz wohl bei dem Gedanken an die zwei Tage und zwei Nächte in Gemeinschaft und verspürte durchaus noch Rückzugsimpulse. Erst die Ausstrahlung der Frau an der Rezeption versöhnte mich mit meinem Vorhaben. Und der so wohltuend entspannte Umgang mit Corona im ZEGG und die so lange entbehrte körperliche Nähe am Esstisch nach sieben Monaten Corona-Abstinenz waren einfach schön – wie Nach-Hause-Kommen.

Freitagabend – Pseudo-Gemeinschaft: Ich sitze mit neun Frauen und zwei Männern im Kreis, um den Gemeinschaftsbildungsprozess zu erleben. Ich fühle mich wohl. Dass so viele sympathische Frauen in der Gruppe sind und zudem auch jüngere, ist besonders schön – ich traue mich aber (noch) nicht, das deutlich auszusprechen, sage es aber immerhin durch die Blume. Die meisten Teilnehmer*innen sind Wessis. Nur Andrea, Sabine, Christel (und Ina) kommen aus dem Osten: aus Dresden, Stralsund, Lehnin, Leipzig. „Warum kommt ihr von so weit weg“, frage ich gleich auf dem Zimmer und später auch in der Gruppe. „So etwas gibt es nur im Osten – hier sind die Menschen irgendwie anders“, ist immer wieder die Antwort. Schau’n wir mal, wie Gruppenbildung mit drei Vierteln Wessis und drei Vierteln zweite Lebenshälfte funktioniert. – „Sprich, wenn du bewegt bist.“ Ich hatte heute Urlaub genommen, um mich einzustimmen, und fühlte mich den ganzen Tag über innerlich aufgewühlt und ruhelos. Bei der Anreise war ich dann so vom Äußeren okkupiert, daß ich meine Gefühle vergaß. Erst jetzt spüre ich meine Bewegtheit allmählich wieder – und meine Bewegtheit nimmt zu (wie damals beim Taster im Wir-Raum). Ich spüre mich, nehme die Gruppe wahr, registriere die ersten Vermeidungsversuche. Und ich bleibe trotz der vielen fremden Menschen bei mir und fühle mich an diesem Ort und in dieser Gruppe ausgesprochen wohl.

Samstagvormittag – Chaos: Gleich von mehreren Seiten: „Man versteht dich nicht. Du redest so unklar, so nebulös. Drück dich klarer aus.“ Und: „Du redest zu viel. Lass andere auch zu Wort kommen.“ Stimmt. Ablenkungsmanöver. Vermeidungsstrategie. Ich tue so, als wagte ich mich mutig aus der Deckung, gehe aber kein übermäßiges Risiko ein, wage nicht wirklich, mich zu zeigen. Leistungsdruck: Die Zeit rennt, bald Halbzeit – und es scheint nicht wirklich voranzugehen mit unserem CB-Prozess.

Mittags Krise: Vielleicht habe ich mich ja doch übernommen mit diesem Workshop? Die anderen wirken so gemeinschaftserfahren und sozial, sitzen vor der Dorfkneipe in der Sonne und trinken miteinander Kaffee, während ich wie ein einsamer Wolf durchs Gelände streune.

Samstagnachmittag – Leere: Ich halte mich zurück, bin emotional abwesend – viele andere auch: Schweigen. Wer sich vorwagt auf diesem Feld ohne Regeln, kann auch Fehler machen. Mache ich Fehler – oder bin ich einfach nur daneben? Ein verlegenes Lied. Eine etwas gewollte Massagekette. Ich mache nicht mit (zwei andere auch nicht) – falsch? Ziehe mich raus wie auch sonst oft. Ist mir alles keine wirkliche Gemeinschaft – oberflächlich, unbefriedigend. Bringe mich allerdings auch nicht ein, riskiere nichts, sitze im Abseits auf dem hohen Ross, einsam, mitunter vielleicht arrogant erscheinend. – Ich entspanne mich langsam: Das Gras wächst – ich kann es nicht beschleunigen. Der Fluss fließt – nichts blockieren. Wachsen lassen, fließen lassen, reifen lassen. Emotional anwesend sein. Samstagabend – Gezerre: Ich bin wieder in der Gruppe anwesend, fühle mich bewegt, spreche von mir und meiner momentanen Erfahrung. Einige andere auch. Herzensöffnung ist das Thema und mein Bedürfnis, wird aber immer wieder abgewürgt: mit kopfigen Statements, mit ollen Kamellen, mit vorgeschobenen Erörterungen zu Gemeinschaftsgröße und Gemeinschaftsstrukturen. Schmerzhaftes und kräftezehrendes Blockieren, vergeudete Chance – schade. Es tut mir echt weh, wie immer wieder blockiert wird, wie ich immer wieder hinter meine Deckung gejagt werde/flüchte und mich kaum traue, wieder hervorzukommen, mich wieder zu öffnen. Frustrierender Stillstand. Keine Mehrheit für Herzensöffnung. Ich bin enttäuscht und traurig. Die Energie bis morgen früh halten.

Sonntagvormittag – authentische Gemeinschaft: Balsam von Ina: „Wir haben noch den ganzen Sonntagvormittag“. Der Damm bricht: Der Schmerz über gestern Abend öffnet dem Schmerz über Einsamkeit und ungelebtes Leben das Tor. Tränen fließen: Tränen des Schmerzes („Ich fühle mich einsam.“) und Tränen der Sehnsucht nach Leben („Ich bin so ungeübt.“) „Jetzt sprichst du ganz klar und verständlich“, sagen Anita und Arna. Auch andere sprechen klar und offen und bewegt: Birgitt, Annika, Yves, Claudia, Anja, Christiane. Und manche blockieren noch. Ich empfinde Frauen als authentischer als Männer – Annika geht es umgekehrt. Partielle Herzensöffnung. Wir wollen uns öffnen, wir wollen unsere Gefühle befreien – und suchen uns paarweise Unterstützung, um das, was wir in unseren gemeinsamen Stunden an Verbundenheit und Offenheit erreicht haben, für die Entladung der auf diesem Weg aktivierten Emotionen zu nutzen und für Erfahrungen, die im Alltag nicht so leicht möglich sind: „Darf ich dir näher kommen und dir in die Augen schauen?“ „Ja.“ Ich habe so lange keinem Menschen mehr nah und tief und lange in die Augen geschaut. Und Corona hat mir so viele warme, weiche, herzliche Umarmungen geraubt. – Ist das legitim? Auf Kosten der Gemeinschaftsbildung? Eine perfekte authentische Gemeinschaft werden wir wahrscheinlich heute nicht – zu geringe Gruppenwärme. Wir haben zu wenig Wärme in die Gruppe gegeben. Aber auch wenn ein wenig Pseudo bleiben wird, haben wir doch ein wunderschönes Stück Gemeinschaft geschaffen. Und das will ich zum Abschluss genießen, so gut ich kann. Ja, es gibt noch lose Enden, aber die Verbundenheit überwiegt deutlich. Und ich habe viel zu lange auf solche Verbundenheit verzichtet. „Wollen wir uns (trotz Corona) an den Händen fassen, um unsere Verbundenheit auch körperlich zu spüren?“ (Und um die verbleibenden losen Enden wenigstens körperlich zu verknüpfen?) „Ja.“ Wir lassen unsere Herzenergien als goldene Kugeln im Kreis wandern und spüren, wie sie sich und uns zu einem goldenen Ring verbinden – und wie sich goldene Sphären nach oben und nach unten wölben und eine große goldene Gruppenkugel formen. Und wir singen „Jani Joni Jachuene“. Und dann kommt der Abschied. Und der Abschiedsschmerz. So intensiv. Lange Umarmungen. Letzte Augenkontakte. Und Herzensworte als Abschiedsgeschenke: „Trau dich, Thomas!“ – Ich bin erfüllt von Freude und von Schmerz.

Stefan Leisner

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