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Ursprünge von Scott Pecks Community Building

Der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Morgan Scott Peck hat vor über 30 Jahren den Ansatz Community Building entwickelt. Um CB zu erforschen und zu verbreiten, gründete er 1984 den FCE (The Foundation for Community Encouragement). In Deutschland wurde erst im neuen Jahrtausend das Netzwerk Community Building gegründet.

Zu dem Ursprung zurück: Welche Einflüsse wirkten auf Peck? In welchem Verhältnis steht CB zu anderen Ansätzen? Diese Frage finde ich sehr spannend. Denn sie könnte auch zeigen, an welchen Stellen CB Kind seiner Zeit und dementsprechend heute verändert oder erweitert werden sollte.

Einführend habe ich einige historische Schlaglichter auf die 60er bis in die 90ern bei Matthias zur Bonsen und Hans Jecklin gefunden:

In welchem Verhältnis steht Community Building zu anderen Ansätzen und Methoden? Schon seit Jahrzehnten wird schliesslich die Dynamik von Gruppen untersucht. In den fünfziger und sechziger Jahren sind die T-Groups des amerikanischen NTL (National Training Laboratories) und die Tavistock Groups des gleichnamigen Instituts in England auf viel Interesse gestossen. Es waren Vorahnungen dessen, was als Community Building viel später folgen sollte. Denn das Element der authentischen Kommunikation war teilweise auch bei ihnen vorhanden. Diese Methoden zielten allerdings nicht darauf ab, Gemeinschaft wie hier beschrieben, entstehen zu lassen. Weder der konzeptionelle Rahmen noch das methodische Rüstzeug waren damals vorhanden. Manchmal entstand allerdings Gemeinschaft auch in diesen Gruppen. Nicht selten bleib es jedoch bei Chaos und einer insgesamt unerfreulichen Erfahrung für die Teilnehmer. Kein Wunder, dass das Interesse abflaute. In die Realität von Unternehmen haben T- und Tavistock Groups nie in nennenswertem Umfang gefunden.

Mitte der Sechziger Jahre fasste Bruce Tuckman (4 ) seine Forschungen und die Erkenntnisse anderer in ein Phasenmodell zusammen: Forming, Storming, Norming und Performing sah er als die Stufen, die eine Gruppe auf der Leiter zu ihrer Leistungsfähigkeit erklettert. Sein Modell hat eine ganze Generation von Teamentwicklern beeinflusst. Forming und Storming haben unverkennbare Ähnlichkeiten mit Pseudogemeinschaft und Chaos. In der Phase des Norming wird (neben anderem) Feedback gegeben und werden Spielregeln vereinbart. Doch auch das ist nicht der Prozess des Leer-werdens, den es braucht, um Gemeinschaft wachsen zu lassen.

Als sich zu Beginn der Achtziger Jahre in den USA unter dem Eindruck des Paradigmenwechsels zu einem systemisch-evolutionären und ganzheitlich-spirituellen Weltbild die Organization Transformation-Bewegung zu formieren begann, entstanden auch neue Visionen davon, was ein Team und eine Organisation im besten Fall sein könnte. Die Methoden dazu fehlten zwar noch, doch was Peter Vaill (5) als High-Performing System beschrieb und andere (6) als Alignment und Attunement, enthält auch Gemeinschaft, wie sie in diesem Artikel verstanden wird.

Gegen Ende der Achtziger Jahre ist dann auch auf der methodischen Seite etwas geschehen, das interessante Parallelen zu Community Building aufweist. David Bohm, weltbekannter Quantenphysiker und Vordenker des holographischen Universums, entwickelte den Dialog. (7) Dialog strebt nicht den Aufbau von Gemeinschaft in der tiefen Form, so wie sie hier verstanden wird, an. Vielmehr geht es hier primär darum, einer Gruppe von Menschen, die unterschiedlichen Meinungen, Annahmen und vielleicht Weltsichten verhaftet sind, zu helfen, voneinander zu lernen und die Kreativität und Intelligenz der ganzen Gruppe zu steigern. Typischerweise würde eine solche Gruppe miteinander in Diskussion und nicht in Dialog treten. Das heisst, die Meinungen würden aufeinanderprallen, die Gemüter sich vielleicht sogar erhitzen, doch eine gegenseitige Bereicherung fände nicht statt. Der Schlüssel zu Dialog heisst „die eigenen Annahmen und Meinungen suspendieren“, also zeitweilig ausser Kraft setzen. Dann verteidigt man diese nicht mehr und hört andere Meinungen, ohne sie gleich zu beurteilen. Die Ähnlichkeiten zum Stadium des Leer-werdens beim Community Building sind unübersehbar. Nur dass ein noch umfassenderes Leer-werden verlangt wird, wenn Gemeinschaft entstehen soll. Im Prozess des Community Building sprechen die Menschen über sich selbst, beim Dialog kann es auch um eine Sache gehen. Nun, über „Sachen“ – und möglicherweise sehr konfliktäre – muss auch jede Gemeinschaft sprechen, die eine gemeinsame Aufgabe hat. Und dann ist Dialog mit seiner Intensität des Zuhörens und des Ernstnehmens anderer Meinungen zweifelsohne der richtige Gesprächsmodus.

Der ganze Artikel: http://www.all-in-one-spirit.de/lit/cb/cb01.htm

Jener Beitrag ist von zwei Menschen geschrieben, die CB in Unternehmen brachten. Dieses Unterfangen finde ich spannend aber auch sehr kritisch.

In einem späteren Beitrag werde ich die Ursprünge von CB sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Ansätzen weiter untersuchen.

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Wandlungen zu Neujahr – Das Ende der Verliebtheitsphase

Bis Ende 2014 begrüßten wir die Besucher_innen unserer Internetseite mit folgendem Satz:

CB ist für uns das Werkzeug, um selbstbestimmt gelungene Kommunikation in der Gruppe zu erlernen und tiefe, nachhaltige Beziehungsfähigkeit zu entwickeln.

Heute haben wir es geändert in:

CB ist für uns ein starkes Werkzeug, um selbstbestimmt gelungene Kommunikation in der Gruppe zu erlernen und tiefe, nachhaltige Beziehungsfähigkeit zu entwickeln.

Warum? Ich glaube, Beriahs Beziehung zu dem Ansatz Community Building kann mit mit einer Liebesbeziehung verglichen werden. Und nun sind wir raus aus der Verliebtheitsphase. Die Grenzen und Schwächen treten deutlicher zu Tage; die Vorteile und Stärken kristallisieren sich klarer heraus.

Wir halten CB weiterhin für ein sehr guten Ansatz, wollen uns aber verstärkt auf die Suche nach möglichen Kombinationen mit anderen Methoden machen. Dabei suchen wir nach verschiedenen Ansätzen, die Gruppen in unterschiedlichen Herausforderungen unterstützen. Ein Beispiel wäre die Kombination aus CB und DragonDreaming für Gruppen, die Projekte miteinander erträumen, planen und durchführen wollen. Einen anderen Fokus legen wir auf die Kombination von Methoden, die die gesellschaftliche Ebene inklusive ihrer Unterdrückungsverhältnissen und Diskriminierungsmechanismen stärker berücksichtigen, so zum Beispiel das Theater der Unterdrückten von Augusto Boal. Weiterhin interessieren uns Ansätze, die den Leib und Bewegung stärker integrieren.

Ein zweiseitiges Schwert

Durch die Markierung der Schwächen werden die Stärken sichtbarer – so ist auch für uns mit CB. Der Focus auf die emotionale Kommunikation in der Gruppe und das eigene innere Erleben, in Kombination mit einer sehr zurückhaltenden Begleitung, birgt die große Möglichkeit für selbstbestimmtes, nachhaltiges Wachstum des Einzelnen und der Gruppe. Selbstsorge wird praktisch erlernt und verständnisvolles, ehrliches Gruppenleben erlebt. Dieser Prozess wiederum fördert ein effizientes Arbeiten an Aufgaben der Gruppe. Im CB-Prozess ist jedoch methodisch kein adäquates Mittel angelegt, um die Rolle, den Spielraum und Möglichkeiten des Einzelnen oder der Gruppe in Gesellschaft aufzuzeigen oder zu diskutieren. Ebenso gibt es innerhalb von CB keinen Rahmen für strukturierten Wissensaustausch. Diese Ansprüche kann CB nicht erfüllen. Hier haben wir Lust, nach Kopplungen oder gänzlich anderen Ansätzen zu forschen.

 

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Terminänderungen bei den offenen Seminaren

Wir verschieben derzeit unseren Focus von der Seminararbeit zur Projektarbeit. Daher haben wir die Termine für die offenen Seminare verändert.

Wir sehen großes Potential in dem Projekt Community Building in der JVA und die Kombination von CB mit anderen Ansätzen, z.b. dem Theater der Unterdrückten. Für diese Kopplung sind wir in Austausch getreten mit verschiedenen Theaterpädagog_innen, Schauspieler_innen und Regisseur_innen.

Ein weiterer Schwerpunkt bildet unser Projekt „CB in intentionalen Gemeinschaften„.

Hinzugekommen ist unser Angebot als  Prozessbegleiter_innen.  Wir begleiten und moderieren Ihre Gruppenprozesse. Wir organisieren Seminare in Absprache mit Ihnen und führen sie bei Ihnen oder an einem neutralen Ort durch.

Mehr Informationen dazu hier.

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Literatur zu Community Building

Scott Peck - GemeinschaftsbildungIn diesem Beitrag werde ich, Text um Text, Werk für Werk, Literatur zu Community Building zusammen stellen. Ich habe Lust, zu diesen Texten begleitende Einführungen oder Rezensionen zu schreiben. Bisher habe ich nicht alle aufgeführten Titel gelesen, manchen stehe ich nach erstem Überlesen auch kritisch gegenüber. Wenn Sie interessante Literatur zu Community Building kennen, senden Sie mir sie bitte.

Literatur von Scott Peck

  • Peck, M. Scott: Gemeinschaftsbildung. Der Weg zu authentischer Gemeinschaft. Bandau 2007.
  • Peck, M. Scott: Eine neue Ethik braucht die Welt. München 1995.
  • Peck, M. Scott: The Different Drum. Community Making and Peace: A Spiritual Journey Toward Self-Acceptance, True Belonging and New Hope for the World. New York 1987.

CB im Kontext Gefängnis

  • Roberts, Robert E.: My Soul said to Me. Un Unlikely Journey Behind the Walls of Justice. Deerfield Beach, FL 2003.

CB im Kontext Wirtschaft

  • Bonsen, Matthias zur u. Jecklin, Hans: Community Building. In: Agogik 4/1998, S. 25 – 42.
  • Borei, Jeanne: Chaos to Community: One Company’s Journey of Transformation. In: Barrentine, Pat u.a. (Hg.): When the Canary Stops Singing. Women’s Perspectives on Transforming Business. San Francisco CA 1994.
  • Gozdz, Kazimierz (Hg.): Community Building – Renewing Spirit & Learning in Business. San Francisco 1995.
  • Shadel, Doug u. Thatcher, Bill: The Power of Acceptance. Building Meaningful Relationships in a Judgemental World. Newcastle 1997.
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Grenzen von Community Building

"Ohne Titel” von Yves,  lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

„Ohne Titel” von Yves, lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

Von einem Mitbewohner wurde mir vor kurzem vorgeworfen, dass wir auf unserer Internetseite zu wenig auf die Grenzen und Schwächen von Community Building eingehen. Ihm habe sich der Eindruck aufgedrängt, dass CB ein Allheilmittel oder schärfer: „die eierlegende Wollmilchsau“ unter den Methoden der Einzel- und Gruppenarbeit sei. Mir ist wichtig, transparent zu arbeiten und CB realistisch vorzustellen. Daher habe ich die Kritik zum Anlass genommen, im folgenden Beitrag Grenzen und Voraussetzungen oder anders: Stärken und Schwächen von Community Building zu beleuchten. Weiterlesen

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Ein Rabbi hat sich im Wald verirrt

Beriah Wald

„Ohne Titel“ von Yves, lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

Auszug aus dem Buch Gemeinschaftsbildung. Der Weg zu authentischer Gemeinschaft von Scott Peck (Bandau 2007).

„Ein Rabbi hatte sich im Wald verirrt. Drei Monate lang suchte er, ohne seinen Weg aus dem Wald herauszufinden. Endlich stieß er eines Tages auf eine Gruppe von seiner Synagoge, die sich auch im Wald verirrt hatte. Überfroh riefen sie ihm zu: ‚Rabbi, wie wunderbar, dass wir dich gefunden haben. Jetzt kannst du uns aus dem Wald herausführen‘. ‚Es tut mir leid, ich kann das nicht‘, antwortete der Rabbi, ‚denn ich habe mich genauso verirrt wie ihr. Weil ich aber mehr Erfahrung habe im Verirrtsein, kann ich euch 1000 Wege sagen, wie ihr nicht aus dem Wald herauskommen könnt. Mit dieser armseligen Hilfe finden wir vielleicht, wenn wir zusammenarbeiten, unseren Weg zusammen.“

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Jenseits von Vernunft und Mythos, Rationalität und Spiritualität

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„Ohne Titel“ von Stefan Leisner, lizensiert unter CC BY-NC-ND 4.0.

In unserer Arbeit und in unseren Texten, in Werk und Schrift, bewegen wir uns auf zwei Pfaden. Vernunft und Mythos, Rationalität und Spiritualität.

Gemeinschaftsbildung ist einerseits erklärbar und planbar, andererseits eine Gabe, ein Abenteuer und Wunder. Wozu dient Community Building dem Menschen? Wir sagen einerseits: Kommunikationskompetenz für Gruppe und Individuum – andererseits sprechen wir von Heilung, Liebe und Frieden.

Warum entscheiden wir uns nicht in der Beschreibung?

Die Grenzen der Vernunft und die Gefahren des Mythos sind seit Langem bekannt. Nur das jeweils eine genügt uns nicht, für eines wollen wir uns nicht entscheiden. Um das ganze Leben, den ganzen Menschen begreifen und lieben zu können, braucht es unserer Meinung nach Dichtung und Philosophie, Aufklärung und Romantik, systematisches Denken der Vernunft als auch Mythos und Spiritualität.

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben findet in der Spaltung zwischen Poesie und Philosophie in der westlichen Tradition seit Plato ein Zeugnis der Unmöglichkeit, den Gegenstand der Erkenntnis voll und ganz zu besitzen.

Er geht davon aus, dass Erkenntnis in der westlichen Tradition in einen „rational-bewußten Pol“ und einen „ekstatisch-inspirierten“ gespalten sei – folgend der Warburgschen Diagnose der Schizophrenie des abendländischen Menschen. Agamben sucht seit über dreißig Jahren nach Beispielen einer anderen Erkenntnis, nach Beispielen kommenden Denkens und der kommenden Gemeinschaft.

Wir fragen auch: Was wäre sichtbar, greifbar, ahnbar, wenn wir mit der Spaltung zwischen dichterischem und denkendem Wort anders umgingen?

Um die Phase des Chaos in der Gemeinschaftsbildung zu verlassen, braucht es das Loslassen, die Aufgabe der Kontrolle, den Tod des Bisherigen. Erst dann wird der Weg frei in die authentische Gemeinschaft. Jene zu begreifen mit den Worten der Vernunft, muss genauso scheitern, wie jene zu verstehen in den Worten der Liebe.

Daher reisen wir auf beiden Pfaden – und erproben neue Wege.

 

Literatur für Interessierte

  • Agamben, Giorgio: Stanzen. Das Wort und das Phantasma in der abendländischen Kultur. Zürich-Berlin 2005.
  • Agamben, Giorgio: Die kommende Gemeinschaft. Merve, Berlin 2003.
  • Baumann, Zygmunt: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Hamburg 1992.
  • Horkheimer, Max und Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1969.
  • Plessner, Helmuth: Grenzen der Gemeinschaft. Frankfurt am Main 2002.
  • Rosa, Hartmut / Gertenbach, Lars  / Laux, Henning u.a.: Theorien der Gemeinschaft zur Einführung. Hamburg 2010.
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Der Abgrund der eigenen Einsamkeit – Bataille und Gemeinschaft

Beriah_Fluss

„Ohne Titel“ von Yves,  lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

In diesem Beitrag schildere und ergänze ich meine Erfahrungen zu Gemeinschaft und Community Building mit den Ideen des französischen Philosophen Georges Bataille (1897-1962). Das Lesen von Bataille war für mich neuartig, aufregend, inspirierend und ich habe Lust, dies zu teilen. Im Folgenden werde ich mich folgenden Fragen zur Gemeinschaft widmen:

  • Wo endet die Erkenntnis des Einzelnen? Welche Rolle spielt die Akzeptanz des Nichtwissens.
  • Mit welcher Brille schaue ich auf die Welt? Welche Zugangsstörungen liegen zwischen Mir und den Anderen? Wen schließe ich ein und wen schließe ich aus?
  • Was ist der Unterschied zwischen starker Kommunikation und schwacher Kommunikation?
  • Gibt es jenseits der „Immunisierungstendenz“, dem individuellen und kollektiven Panzern und Rüsten Alternativen? Was versteht Bataille unter „energetische Überladung“?
  • Ist es unmöglich, der Einsamkeit zu entfliehen? Was versteht Bataille unter Gemeinschaft? Wie kann ich mich mit anderen Menschen verbinden?

Ich fand einen guten Einstieg zu Batailles Ideen zu Gemeinschaft in Roberto Espositos Schrift Communitas. Ursprung und Wege der Gemeinschaft. Ich werde im Folgenden Teile aus dieser Schrift vorstellen und mich dann den gerade genannten Fragen widmen. Weiterlesen

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CB im Alltag

"Ohne Titel" von Yves, lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

„Ohne Titel“ von Yves, lizensiert unter CC BY-NC-SA 4.0.

Community Building ist meiner Meinung nach mehr als eine gute Methode zum nicht angeleiteten Erfahren von authentischer Gemeinschaft. In ihr und in den Kommunikationsempfehlungen ist eine sehr wertvolle Haltung mir selbst und meinen Mitmenschen gegenüber spürbar. Eine Haltung der Ehrlichkeit und Offenheit, der Achtsamkeit gegenüber meinen Impulsen und letztlich das tiefe Wahrnehmen des anderen.

Community Building im Alltag

Seitdem ich wieder und wieder in Gruppen den Zustand der authentischen Gemeinschaft erlebt habe, fallen mir einige Alltagssituationen schwerer. Warum? Ich vermisse die Verbundenheit und Ehrlichkeit in der Beziehung zu meinem Gegenüber. Ich habe auch Sorge, mein Gegenüber durch unerwartete Offenheit zu überfordern oder zu überlasten. Daher stelle ich mir die Frage: Wie kann ich gut mit einer CB-Haltung im Alltag leben?

Eine hilfreiche Frage in der konkreten Situation ist für mich:

Was hält mich davon ab, mit meinem Gegenüber in authentischer Gemeinschaft zu sein?

Diese Frage hilft mir dabei, zu schauen, was im Hier und Jetzt stört, was mich ablenkt oder verunsichert. Was brauche ich, um wirklich in Verbindung zu sein. Der Schritt in das Risiko, in die Verletzlichkeit und Offenheit, fällt mir immer wieder schwer. Ich weiß letztlich nicht, wie mein Gegenüber reagieren wird. Wenn ich anspreche, was mich hindert, in Gemeinschaft zu sein, dann ist dies der Weg aus der Harmonie der Pseudogemeinschaft heraus – und hinein in das Chaos. Das Wissen um die Phasen und die Erfahrungen der gelungenen Gemeinschaft helfen mir, mutig zu sein. Und wie ist das jenseits der Zweierbeziehung – in der Gruppe?

Authentische Gemeinschaft in der  Gruppe

Einige Menschen, die ich beim letzten Netzwerktreffen Community Building in Europa in Jahnishausen traf, stellen sich auch diese Frage und experimentieren damit in ihrer Wohn- und Lebensgruppe. Das finde ich sehr spannend. Genügt der Vorsatz, in einer CB-Haltung miteinander zu leben oder was braucht es noch dafür? Mir gibt meine 14tägige fortlaufende Gruppe viel Sicherheit und immer wieder Mut, Risiken einzugehen. Ich fühle mich aber außerhalb der Runde nicht in ständiger authentischer Gemeinschaft mit jedem Mitglied. Es braucht vielleicht mehr. Ein bekannter CB-Facilitator sagte mir vor einiger Zeit, dass es wöchentlich zwei bis drei CB-Abende mit drei bis vier Stunden  und zusätzlich ein CB-Wochenende im Monat braucht, um authentische Gemeinschaft zu bleiben.

Wuah! Das ist viel Zeit, oder? Aber was würde eine Gruppe dadurch gewinnen?  Welche Potentiale könnten enfaltet werden, welche Blockaden könnten fallen und welche gebunden Energien könnten endlich frei werden?

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Forschungsreise auf hoher See

Was ist Gemeinschaft? Wie fühlt sich das an, wie kommt mensch dahin? Was bedeutet es für den Einzelnen und für eine Gruppe, eine Gemeinschaft zu werden?

Vor uns liegen unerforschte Gewässer.

Community Building gleicht einer abenteuerlichen Forschungsreise auf hoher See. Die Teilnehmer_innen sitzen im selben Boot und legen ab zu einer Reise auf ins Ungewisse. Das einzige, was sie mitbekommen haben, ist eine kleine Karte mit Kommunikationsempfehlungen. Bei der Taufe des Schiffes und beim Ablegen vom Hafen scheint noch die Sonne, doch zeichnen sich bald erste Wolken am Himmel ab. Einige Reisende geraten aneinander – über Kurs oder Führung – und der Himmel verdunkelt sich. Erste Tropfen fallen darnieder, und das Schiff wiegt sich in den Wellen, die zunehmend stärker werden. Dann bricht ein Sturm herein, Donner grollen, grelle Blitze zerschneiden die Luft. Einige Reisende irren umher, drohen zu verzweifeln, andere beschweren und streiten sich im Chaos oder werden bleich ob des schweren Seegangs. 

Dann Stille und spiegelglattes Meer. Mehr und mehr Reisende erblicken sich selbst im Wasser und dann auch einander. Es ist ganz ruhig – totenstill.

Und schließlich erreichen sie ein neues Ufer. Gemeinschaft.

Die Forschungsreisenden mit gebräunten Gesichtern und zerzaustem Haar sind verändert. Sie haben belastende Bürden abgelegt und bringen bei ihrer Rückkehr einen Schatz von Gruppenerfahrungen und ein Bündel von neuen Fähigkeiten mit.

“Ohne Titel” von Christel Duerrwald, lizensiert unter CC BY-NC-ND 4.0.

“Ohne Titel” von Christel Duerrwald, lizensiert unter CC BY-NC-ND 4.0.